Zeitzeuge Franz Kiesenhofer aus Wartberg erinnert sich an die Mühlviertler Menschenjagd: "Ich habe keinen verraten"
WARTBERG/AIST. „...ich habe ihn ja nicht sehen müssen...“ heißt der Film von Andreas Baumgartner, in dem sechs Zeitzeugen aus Wartberg erzählen, wie sie die „Mühlviertler Hasenjagd“ im Jahr 1945 als Kinder erlebt haben. Franz Kiesenhofer erinnert sich im Tips-Gespräch an die grauenvolle Hetzjagd. Obwohl er sich damit selbst in Lebensgefahr brachte, verriet er geflohene Häftlinge nicht.

Zwölf Jahre war Franz Kiesenhofer aus Arnberg alt, als 500 Häftlinge – hauptsächlich sowjetische Offiziere – am 2. Februar 1945 bei minus acht Grad einen Ausbruchsversuch aus dem Todesblock 20 des Konzentrationslagers Mauthausen wagten. Mehr als 300 gelang vorerst die Flucht, es begann jedoch eine grausame, drei Wochen lange Treibjagd auf die Geflohenen, an der sich neben SS, SA, Volkssturm, Hitler-Jugend, Gendarmerie, Feuerwehr und Wehrmacht auch die Zivilbevölkerung der Umgebung beteiligte.
Nur elf Geflohene überlebten die Hetzjagd
Ein Großteil der Flüchtlinge wurde aufgegriffen und – dem Befehl „niemanden lebend ins Lager zurückzubringen“ Folge leistend – meist an Ort und Stelle erschossen oder erschlagen. Nur von elf Häftlingen ist bekannt, dass sie die Menschenjagd und das Kriegsende überlebten.
„Es war keine gute Zeit damals“, sagt Franz Kiesenhofer (85). Er wuchs während des 2. Weltkrieges mit zwei Brüdern am elterlichen Bauernhof in Arnberg auf und erinnert sich an die Menschenjagd: „Es hat vom Volkssturm geheißen, wir sollen aufpassen, ob wir KZ-ler sehen. Und tatsächlich sah ich aus der Ferne einen in unserem Wald verschwinden. Aber ich habe es nicht gemeldet, ich dachte mir, na, des tuat man einfach net!“
„Der SS-Mann packte mich an der Schulter und sagte: 'Junge, komm' mit!'
Brenzliger wurde es einige Tage später: „Wir saßen gerade beim Mittagessen, da kam ein SS-Mann in die Stube herein, packte mich an der Schulter und sagte: „Junge, komm“ mit!“ Mein Vater stand daneben und hat nichts unternommen, also bin ich mit zitternden Knien zum Nachbarn rüber mitgegangen“, schildert Franz Kiesenhofer. „Der SS-Mann stocherte mit dem Bajonett durch ein kleines Heubodenfenster und meinte, da sei ein KZ-ler drin, ich solle reinklettern und nachschauen. Er selbst passte nicht durch die Luke.“
Kiesenhofer erinnert sich weiter: „Als ich gesagt habe, ich fürchte mich, wenn einer erschossen wird, meinte der SS-Mann: „Ich erschieße ihn nicht, ich erschlag ihn.“ Das waren wirklich brutale Leut“.“
„Ich dachte mir, hoffentlich geht das gut“
„Ich kraxelte also durch das kleine Fenster rein und habe gehört und gespürt, dass zu meiner Linken einer ist. Aber ich bin wieder rausgeklettert und habe zu dem SS-Mann gesagt, ich seh' nichts, da ist keiner. Jeder ist froh, wenn er leben kann. Dabei dachte ich mir, hoffentlich geht das gut. Wenn das Heu ausgeräumt worden wäre, wäre es auf der Stelle aus gewesen mit mir.“ Was aus dem Häftling, der sich damals im Heu versteckte geworden ist, weiß Franz Kiesenhofer nicht.
Noch mehrere Male ist er als Zwölfjähriger knapp dem Tod durch eine Kugel entronnen. Einmal wären er und ein paar andere Buben beinahe vom Volkssturm exekutiert worden, weil sie mit Granaten gespielt hatten. Ein deutscher Offizier ging zum Glück dazwischen.
Vor den Russen geflüchtet
Immer wieder kamen Russen auf den Bauernhof: „Da war es am besten, ihnen das zu geben was sie verlangten – eine Sau, dann wieder Eier, Butter und Speck – und sich nicht zur Wehr zu setzen.“
„Einmal sind fünf Russen mitten in der Nacht in unser Haus gekommen. Meine Brüder, meine Eltern und ich mussten uns in der Stube zum Erschießen aufreihen. Ein SS-ler sah das zufällig und schlug auf die Russen ein. Wir konnten durch die Hintertür fliehen, uns aber nicht mehr am Hof blicken lassen. Die erste Nacht haben wir im Kornfeld verbracht, die zweite beim Nachbarn am Heuboden, die dritte unter einer Ribiselstaude. Erst nach zwei Wochen konnten wir nach Hause zurück.“
„Heute haben wir den Himmel auf Erden“
Viele schreckliche Erinnerungen an den Krieg hat Kiesenhofer im Kopf: an den polnischen Zwangsarbeiter vom Nachbarhof, der gehängt und dessen Leichnam übelst zugerichtet wurde. An den deutschen Flieger, den die Amis vom Himmel schossen, darin vier Männer. „So etwas vergisst man nicht. Es war keine gute Zeit. Nie hätte ich mir damals träumen lassen, das es uns einmal so gut gehen würde. Jetzt haben wir den Himmel auf Erden.“


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden