"Berührend und bereichernd"
WELS/GRIESKIRCHEN. Eigentlich könnte Andrea Schwaiger den Alltag in ihrem hübschen Geschäft „Pünktchen & Anton“ verbringen und ein angenehmes Leben führen. Tatsache aber ist, dass es der 39-jährigen Grieskirchnerin immer schwerer fällt, in dieses „normale“ Leben zurückzukehren – wenn sie wieder in Traiskirchen, Röszke, Opatovac oder wie zuletzt in „der Hölle von Brezice“ war. Denn seit dem Sommer ist die zweifache Mutter unermüdlich für Flüchtlinge im Einsatz.

„Was ich tue reicht nicht“
Angefangen hat ihr außerordentliches Engagement, als es in Traiskirchen noch unter der Oberfläche schwellte. Schwaiger organisierte eine Sachspendenaktion in ihrem Geschäft. „Doch ich hatte das Gefühl, das reicht nicht und ich bin dann mit der Plattform „Wels hilft“ selber hingefahren.“
Durch das Bild einer afghanischen Familie mit behindertem Kind „bin ich dann irgendwie ganz tief eingetaucht“. Sie nimmt mit dem ungarischen Fotografen Kontakt auf und fährt mit ihm erstmals weiter weg, nach Ungarn. „Traiskirchen war wirklich arg, aber Röszke war eine ganz andere Kategorie: bedrückend, bedrohend, diese Menge, die Polizei- und Militärpräsenz“, erinnert sie sich. Die ehemalige Krankenschwester packt an wo sie kann, in der Suppenküche, spielt mit Kindern, verteilt Spenden und vor allem auch Zuwendung: Zu reden, zu spielen oder einen Scherz zu machen, tut den Menschen gut. Und sie bedanken sich herzlich dafür. Für alles, für einen Apfel ebenso wie für eine Unterhose. „Das rückt Wertigkeiten wieder zurecht“, berichtet Schwaiger, der es zu Hause dann oft schwer fällt, umgeben von all den schönen Dingen in ihrem Geschäft, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen.
Niemand geht freiwillig weg
Bei ihrer nächsten Fahrt nach Kroatien erlebt sie, wie bis zu 7000 Menschen am Tag durchgeschleust werden, denkt, „oh Gott, ist das schlimm“, doch das relativiert sich in Slowenien noch einmal, wo Flüchtlinge wie Helfer der Willkür der Polizei ausgesetzt sind. „Bei so vielen Menschen ist immer zu wenig von allem da. Wenn man nachts jemanden wegschickt, weil man keine Jacken mehr hat, obwohl man selbst in bester Funktionskleidung friert, dann ist das einfach ganz, ganz schlimm“, schildert Schwaiger. Sie trifft Familien, die drei Tage ohne Schlaf unterwegs waren, um vor dem Schließen der Grenze da zu sein, Menschen, die seit zwölf Tagen ohne Dialyse sind, deren Füße schwarz werden, weil das Insulin im Meer versunken ist. Sie trifft Mütter mit Neugeborenen, Hochschwangere, Behinderte, Alte und unbegleitete Minderjährige, die so alt sind wie die eigenen Kinder. „Sie würden alle nicht weggehen von zu Hause, wenn es nicht unerträglich wäre.“
Trotz all dem Leid erlebt Schwaiger aber auch schöne Momente. Gerade Kinder leben so in der Gegenwart, dass sie „mit einer Kleinigkeit alles vergessen können. Trotzdem zu sehen, dass Platz für Heiterkeit ist, ist sehr berührend“, erzählt die unermüdliche Helferin und gesteht: „Es fällt jedes Mal schwerer, wieder heim zu fahren und jede Stunde die man schläft, hat man ein schlechtes Gewissen“. Manchmal vielleicht auch der eigenen Familie gegenüber, wenn sie wieder vier, fünf Tage weg ist, aber die „trägt das toll mit“.
Was sie sich wünscht? „Die Situation so zu nehmen wie sie ist und den Menschen zu helfen, die die Notwendigkeit haben zu kommen“.
Was sie Österreichern rät, die Angst vor Flüchtlingen haben? „Sich darauf zu besinnen, was sie in der Situation tun würden! Geht“s hin und redet“s mit ihnen! Das ist berührend, bereichernd und baut Ängste ab!“
Helfen kann jeder – mit Sach-, Geld- oder Zeitspenden oder als Pate für Jugendliche. www.facebook.com/welshilft


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