„Wir sind für die Jugendlichen da und akzeptieren sie so, wie sie sind“
BRAUNAU. Seit mittlerweile 25 Jahren gibt es die Streetworkstelle in der Ringstraße. Dieses Jubiläum wurde in der vergangenen Woche gefeiert. Der Standort Braunau war neben Schärding der erste in Oberösterreich. Tips hat mit den beiden Sozialarbeitern Roxana Russinger und Johannes Friedl über die Situation vor Ort gesprochen.

Tips: Wie ist die Situation vor Ort in Braunau, was sind hier die größten Themen und Probleme in der Sozialarbeit?
Roxana Russinger: Vor allem der Faktor Grenzbezirk wirkt sich stark auf unsere Arbeit aus, die Drogen- und Rauschgiftszene ist weit verbreitet. Trotz der geringen Größe der Stadt spielt sich hier viel ab. Auch die Flüchtlingssituation ist ein Thema, es sind aber trotzdem auch viele einheimische Jugendliche, mit denen wir zu tun haben. Auch aktuelle Kürzungen bei den Sozialleistungen und gesetzliche Hürden, wie zum Beispiel bei der Schuldnerberatung, sind Dinge, die unsere Arbeit oft erschweren.
Tips: Wie viele Jugendliche werden von der Streetworkstelle in Braunau konkret betreut und wie alt sind sie?
Johannes Friedl: Im letzten Jahr war die Stelle in Braunau mit rund 200 Jugendlichen in Kontakt, mit 70 davon war die Zusammenarbeit intensiver. Die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir zu tun haben, sind alle zwischen zwölf und 25 Jahre alt. Was die Geschlechter angeht, sind es etwa 70 Prozent Jungs und 30 Prozent Mädchen.
Tips: Welche Probleme bringen die Jugendlichen mit und wie sieht die tägliche Arbeit mit ihnen aus?
Russinger: Die meisten Probleme liegen im Freundeskreis, in der Schule, das Thema Gewalt spielt eine Rolle oder der Umgang mit den Eltern. Auch Drogenkonsum und psychische Themen sind mit dabei, hier vermitteln wir aber an die Drogenberatung und psychiatrische Einrichtungen weiter. Ansonsten arbeiten wir sehr viel über Beziehungen, wir versuchen, Vertrauen zu den Jugendlichen aufzubauen, damit die sich dann besser öffnen können und vielleicht auch Dinge erzählen, die sie sonst für sich behalten würden. Wir als Sozialarbeiter haben hier eine wichtige Vermittlerfunktion, wir können die Leute an die Hand nehmen und ihnen Wege aufzeigen.
Veränderungen in der Streetworkszene
Tips: Wie hat sich die Arbeit als Streetworker in den letzten Jahren verändert?
Friedl: Streetwork hat sich in den Jahren extrem verändert, es gibt zum Beispiel unter den Jugendlichen bei weitem nicht mehr so viele Untergruppen wie Punks, Emos und so weiter, es ist alles ein bisschen einheitlicher geworden. Außerdem haben sich speziell die Qualität unserer Arbeit und die Messung der Ergebnisse stark verbessert.
Tips: Was ist eigentlich das Tolle am Beruf als Streetworker?
Russinger: Ich finde es vor allem toll, dass bei unserer Arbeit viel auf dem Faktor Freiwilligkeit beruht, das heißt, die Jugendlichen können selbst über den Umfang der Hilfe entscheiden. Wir sind einfach für sie da, wir akzeptieren sie erst einmal so, wie sie sind, ohne gleich zu bewerten und ihr Verhalten zu verurteilen. Diese Handlungsprinzipien und der niederschwellige Ansatz gefallen mir und kommen auch bei den Kindern und Jugendlichen am besten an.
Tips: Wie kann man sich eine konkrete Arbeitswoche als Streetworker in Braunau vorstellen?
Friedl: Unsere Streetworkstelle hat an drei Tagen in der Woche fix geöffnet, hier können die Jugendlichen vorbeikommen und Zeit in der Anlaufstelle verbringen. Ansonsten sind wir mehrmals die Woche „streetworken“, das heißt, wir sind mit unseren orangen Rucksäcken als Erkennungsmerkmal in der Stadt unterwegs und halten uns an jugendrelevanten Plätzen und Lokalen auf. Wir machen gezielte Aktionen an Schulen und in der Freizeitgestaltung. Außerdem sind wir auch noch einmal in der Woche in Mattighofen unterwegs, auch hier gibt es viel Arbeit für uns.
Trennung von Beruf und Freizeit
Tips: Nimmt man Probleme aus der Arbeit häufig mit nach Hause oder kann man das strikt trennen?
Friedl: Ich persönlich nutze meistens meine 45-minütige Heimfahrt mit dem Auto, um mich nochmal mit meinem Arbeitstag auseinanderzusetzen. Wenn ich dann zu Hause aus dem Auto aussteige, habe ich meistens damit abgeschlossen und bin der private Johannes. Außerdem ist es wichtig, dass wir zu zweit sind und uns immer gegenseitig unterstützen und aufbauen können.
Tips: Wie ist die Resonanz auf Eure Arbeit und was wünscht Ihr Euch zum Jubiläum?
Russinger: Braunau bietet viel für die Jugendlichen, die wichtigen Menschen aus der Stadt stehen voll hinter dem Thema Streetwork. Das soll auch in Zukunft so bleiben, auch die gute Zusammenarbeit mit der Polizei. Bürgermeister Johannes Waidbacher hat uns zum Beispiel zum Jubiläum einen Kickertisch geschenkt. Wir hoffen, auch künftig die nötige Unterstützung für unsere Arbeit zu bekommen.


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