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BEZIRK BRAUNAU. Das Thema Corona spaltet nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Familien und führt zu vielen Konflikten. Warum es dazu kommt und wie man die dadurch entstandenen Gräben überbrücken könnte, verrät die Braunauer Mediatorin, Supervisorin und Landessprecherin des Österreichischen Bundesverbands für Mediation (ÖBM) Kerstin Pendelin.

Kerstin Pendelin ist Landessprecherin des Bundesverbands für Mediation (ÖBM). (Foto: Frischer Wind/www.frischer-wind.at)

Viele Themen lösen derzeit Auseinandersetzungen aus. Der fehlende persönliche Kontakt und die Notwendigkeit, häufiger digital zu kommunizieren, führen zu Konflikten. Aber auch die öfter als sonst gemeinsam verbrachte Zeit in den Wohnbereichen, die 2-G-Regelung oder unterschiedliche Positionen zum Thema Impfen sorgen vermehrt für Spannungen. Die Menschen sind laut der Mediatorin derzeit leichter gereizt, genervt und frustriert.

Das zeigt sich auch daran, dass im Bereich der „Supervision“ mehr Beratungen in Anspruch genommen werden. Das Thema „Corona“ sowie seine Folgeerscheinungen haben unterschiedlichste Auswirkungen. Sie beeinflussen zum Beispiel Teamdynamiken, die psychische Gesundheit und ähnliches, erklärt Pendelin.

Corona bringt Konflikte zu Tage

Im Bereich der Mediation nimmt die Expertin wahr, dass durch das Thema „Corona“ Konflikte, die es schon länger unterschwellig gab, eher zu Tage kommen. Diese seien aber meist nicht die Hauptursache für den Konflikt. „Das Thema ‚Corona‘ ist also Auslöser, sich in Mediation zu begeben, wobei die Hintergründe für den Konflikt woanders zu finden sind.“

Die Mediation kann dabei helfen, einen Raum des gegenseitigen Verständnisaufbaus zu schaffen. „Es wird möglich, dem Gegenüber zuzuhören, die Bedürfnisse, die hinter der Emotion stecken, herauszufinden und so zu kommunizieren, um was es jemandem wirklich geht.“

Psychische Belastung steigt

Generell steigt die Nachfrage nach psychologischer Beratung. Home-Office und Kinderbetreuung, fehlende technische und räumliche Ressourcen sowie Unsicherheiten in Bezug auf die Arbeit oder Corona-Maßnahmen führen zu enormer Überbelastung, wie Pendelin berichtet. Auch durch Ängste, die gefühlte Enge, die dauernd notwendige Flexibilität oder Einsamkeit kommt es zu einer psychischen Belastung. Diese Spannungen führen vermehrt zu Aggressionen.

„Wenn ein Mensch unter Druck gerät, sucht er einen Ausweg. Geraten Menschen über längere Zeit hinweg unter Druck, dann suchen sie Schuldige“, so Pendelin. Diese Schuldigen werden dann in allen Richtungen gesucht, seien es Ungeimpfte oder Geimpfte, Politiker, Coronaleugner oder Maßnahmenbefürworter.

„Je länger es dauert, je weniger ein Ende absehbar ist, desto mehr steigen die Frustration, der Druck und das Gefühl der Ausweglosigkeit. Es entsteht das Gefühl, sich wehren zu müssen.“ Während Emotionen wie Wut, Angst und Frust in den Vordergrund treten, werde gegenseitiges Zuhören, wertschätzendes Kommunizieren und das Tolerieren von anderen Meinungen immer weniger möglich.

Verengter Blick durch soziale Plattformen

Da der soziale Kontakt stark eingeschränkt ist, die Plattformen in den sozialen Medien aber sehr belebt sind, kann es zusätzlich dazu zu einem verengten Blick zum Thema Corona führen. Auch dadurch kann die Toleranz anderen Meinungen und Wahrnehmungen gegenüber schwinden. „Bestärkt durch diese eingeengte Wahrnehmung fühlt man sich im Recht und am richtigen Weg, was die Toleranz Andersdenkender noch weiter sinken lässt“, erklärt die Expertin.

Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit

Aufgrund der Kontrollen und Schutzmaßnahmen überschreite das Thema „Corona“ die Linie zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. „Man unterliegt einer ständigen Bewertung und fühlt sich in einer Verteidigungsposition, egal in welcher Richtung. Ein entspanntes Miteinander im gesellschaftlichen Alltag ist aufgrund dieses omnipräsenten Themas und der damit einhergehenden Bewertungen nicht mehr möglich.“

Spaltung überbrücken

Diese Spaltung zu überbrücken mag schwer sein, dennoch gibt es verschiedenste Maßnahmen, die dabei helfen können, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Pendelin verweist hierbei etwa auf ein Zitat von Viktor Frankl: „Toleranz besteht nicht darin, dass man die Ansicht eines anderen teilt, sondern nur darin, dass man dem anderen das Recht einräumt, überhaupt anderer Ansicht zu sein.“

So könne man versuchen, offen zu sein und den Blick wieder zu weiten. „Es gibt nicht nur die eine Realität. Unsere Gesellschaft ist heterogen und das macht sie auch aus. Das hält sie lebendig, bunt und sichert Entwicklung“, so Pendelin. Wichtig sei auch eine wertschätzende Kommunikation, bei der dem anderen zugehört wird und andere Meinungen toleriert werden. „Nicht immer gleich auf alles reagieren. Es kann auch einmal eine Meinung stehen bleiben, ohne Gegenkommentar.“

Im Privatbereich könne es sinnvoll sein, das ohnehin omnipräsente Thema „Corona“ bewusst nur zu gewissen Zeiten hereinzulassen. „Es gibt noch so viele andere Themen, mit denen man sich beschäftigen kann.“ Sich bewusst von manchen Kanälen der sozialen Medien zu verabschieden, könne auch helfen. „Man muss sich nicht zusätzlich dauernd mit Inhalten füttern, welche die Spaltung weiter unterstützen.“

Reaktion auf Aggressionen

Sollte es dennoch zu aggressivem Verhalten kommen, gibt es auch hier verschiedenste Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann. Aggressives Verhalten ist vielschichtig, wie die Mediatorin erklärt. Es reicht von einem aggressiven Tonfall, verbalen Attacken über ein Lächerlichmachen, Herabsetzen der Person, nonverbalen Signalen wie das Verdrehen der Augen bis hin zu tätlichen Angriffen. „Häufig ist man im erlebten Moment so perplex oder persönlich betroffen, dass eine adäquate Reaktion schwer möglich ist.“

Im Umfeld von Menschen, die man kennt, empfiehlt es sich laut Pendelin, die Thematik direkt in der „Ich-Form“ anzusprechen und Bedürfnisse zu äußern. Hilfreich kann es auch sein, gezielt anders zu reagieren und das Interaktionsmuster zum Beispiel mit einem Lächeln zu durchbrechen.

Auch einen weiteren ungewöhnlichen Tipp hat die Expertin: „Stoppen Sie das Verhalten auf eine spielerische Art. Zum Beispiel: ‚Wetten, dass du heute beim Familienessen wieder lautstark deine Meinung kundtun wirst?‘“

Derzeit können Aggressionen auch in ganz alltäglichen Situationen auftauchen, wie beim Einkaufen oder an der Teststraße. „Hier bedarf es Mut, sich der Sache entgegenzustellen oder auch für andere einzutreten und die überschrittene Grenze deutlich zu machen. Manchmal ist hier Ignoranz und dem Gegenüber keine Bühne für den Ausdruck der Aggressionen zu bieten, der bessere Weg“, rät die Mediatorin. Als Beobachter könne man aber beispielsweise das Opfer aus dem Schussfeld bringen.

Hilfsangebote im Bezirk

Wer das Gefühl hat, Hilfe zu benötigen, kann sich an eines der vielen Hilfsangebote im Bezirk Braunau wenden. Das Bürgerservice „Mediation & Beratung“ bietet beispielsweise in acht Gemeinden einmal pro Quartal eine kostenfreie Erstinformation und ist unter braunau@ hofkonflikt.at erreichbar. Außerdem gibt es diverse Beratungsstellen wie die Familienberatungsstelle Braunau, die Caritas Sozialberatung oder die Krisenhilfe. Mediatoren sind unter anderem unter www.oebm.at zu finden, Supervisoren unter www.oevs.at


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