Wie ein Gmundner Gymnasiast Hurrikan „Irma“ überlebte
GMUNDEN/FORT MYERS. Der Gmundner Gymnasiast Niclas Murray verbringt im Zuge eines Jugendaustausch-Projektes ein Schuljahr in Fort Myers (Florida). Eigentlich wollte er dort seine Sprachkenntnisse verbessern und Spaß am „American way of life“ haben – doch dann fegte Hurrikan „Irma“ über seine Schulstadt hinweg.

Rund eineinhalb Monate wohnte Niclas bei seine Gasteltern, als er bereits eine große Bewährungsprobe bestehen musste. Wie er die dramatischen Stunden erlebte, schilderte er Tips am Freitag der Vorwoche.
Tips: Wie habt ihr die ersten Vorwarnungen wahrgenommen?
Murray: Meine Gastfamilie war bei den ersten Vorhersagen noch überzeugt, dass uns der Hurrikan nur im unwahrscheinlichsten Falle treffen werde. Als die Vorhersagen dann konkreter wurden, war vor allem meine Gastmutter Julie sehr besorgt. Mein Gastvater Dan und meine zwei Gastgeschwister Marc und Danny machten sich eigentlich keine Sorgen. Doch ab Mittwoch wurden wir dann schnell tätig. Dan besorgte einen Stromgenerator und Benzin und machte Hamsterkäufe, um ausreichend Verpflegung und Wasser zu haben.
Tips: Wie hat die Schule reagiert?
Murray: Wir bekamen schon drei Tage vor dem wahrscheinlichen Eintreffen schulfrei. Der Lee County School District war der Meinung, ausreichend Vorbereitungszeit einplanen zu müssen. Also begannen wir bei 35 Grad, das Haus sicher zu machen. Alles rund ums Haus (Gartenmöbel, Autos etc.) mussten verstaut werden. Als wir nach einem schweißtreibenden Tag fertig waren, wurde uns erst bewusst, dass drei Viertel der Nachbarn verreist waren und wir uns in einer extrem brenzligen Situation befanden.
Tips: Deine Eltern in Gmunden waren sicher beunruhigt?
Murray: Meine Eltern daheim und meine Freunde waren krank vor Sorge und ich musste neben meinem Unbehagen auch die Leute in der Heimat beschwichtigen. Als ich Samstagfrüh aufstand, teilten mir meine Gasteltern mit, dass ich evakuiert würde. Ich wollte sie aber nicht im Stich lassen und beharrte darauf zu bleiben. Aber auch meine Austauschorganisation Rotary bestand darauf, das Haus zu verlassen. Also packte ich meine Sachen innerhalb von zehn Minuten. Mein Gastvater brachte mich dann zur Rotary Jugendaustausch-Beauftragten für Florida Jane Goble. Dort blieb ich mit einer französischen Austauschschülerin im angeblich hurrikansicheren Appartement ihres Sohnes in einer Evakuierungszone mit erheblich weniger Gefahr.
Tips: Was geschah, als „Irma“ die Stadt erreichte?
Murray: Am Sonntag waren wir alle von kompletter Anspannung erfüllt und warteten nur noch darauf, dass der Hurrikan Fort Myers mit voller Wucht treffen würde. Das geschah dann schleichend am Nachmittag. Der Wind heulte unerträglich. Mit bis zu 180 km/h pfiff er ums Haus und riss Bäume um. Der Hurrikan zerstörte Stromleitungen und legte die Wasser- und Stromversorgung lahm. Wir verbarrikadierten uns am Abend im Bad, weil wir Angst hatten, der Sturm würde die Fenster aus der Verankerung reißen.
Tips: Was hast Du gemacht, als der Hurrikan vorbei war?
Murray: Obwohl geschockt von der letzten Nacht, machte ich mir natürlich Sorgen um meine Gastfamilie und generell um meinen Aufenthalt. Ich hatte seit zwei Tagen nichts mehr von meinen Gasteltern gehört, wusste nur, dass auch sie ihr Haus aufgegeben und bei Freunden Unterschlupf gesucht hatten Ich dachte, ich müsste jetzt nachhause. Doch die Jugendbeauftragte beruhigte mich. Ich half die Straße zu säubern und den Nachbarn, diverse Schäden am Haus zu beseitigen. Auch das Haus der Familie der Jugendbeauftragten war unbewohnbar und musste wieder auf Vordermann gebracht werden. Schule ist zurzeit nebensächlich. Die Behörden wollen uns bis zum 25. September frei geben, um die Schulen zu sanieren, die ebenfalls zum Teil erhebliche Schäden davongetragen hatten.
Tips: Wie geht“s nun weiter?
Murray: Morgen kann ich nun endlich zu meiner Gastfamilie zurück, die ich eine Woche lang nicht gesehen habe. Die nächsten Schritte sind Aufräumarbeiten in meiner Nachbarschaft und natürlich der Versuch, wieder in den Normalzustand zurückzukehren. Zurzeit herrscht hier kompletter Ausnahmezustand. Eigentlich wäre ein Ausflug in die Everglades, ein Campingausflug und natürlich Schule geplant, aber als Erstes muss der Normalzustand wieder hergestellt werden.


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