Neue Anlaufstelle für "Hochsensible"
LAAKIRCHEN. „Hochsensible“ werden häufig für überempfindlich, schüchtern, perfektionistisch und viel mehr gehalten. Sie nehmen ihre Umwelt intensiver wahr als andere und reagieren schneller mit Rückzug oder anderen „Schutzmaßnahmen“. Ihr Anders-Sein stößt bei Mitmenschen oft auf Unverständnis. Mit einer Selbsterfahrungsgruppe will Gabriele H. vermehrt Bewusstwerdung und Austausch ermöglichen.

Das Ticken des Weckers, das Klingeln von Handys, schreiende Kinder – die meisten Menschen nehmen die Alltagsgeräusche gelassen hin, manche Menschen erleben diese aber als puren Stress oder gar als körperliche Schmerzen. Schon nach wenigen Stunden im öffentlichen Leben fühlen sie sich dann ausgelaugt und müde. Ihre Reaktionen verwirren oft ihre Mitmenschen. Oft heißt es dann „Sei nicht so empfindlich!“
Doch „Hochsensible“ haben ein besonders empfindsames Nervensystem, das ständig Details aufnimmt und weiterleitet. Sie nehmen nicht nur mehr Informationen auf als andere, sie empfinden diese zugleich intensiver und können sich durch die Informationsflut schnell überansprucht fühlen. Dann verspüren sie ein verstärktes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe. Entsprechend sind im Privatleben, aber auch im Arbeitsalltag Schwierigkeiten vorprogrammiert.
Zum Problem wird die Hochsensibilität dann, wenn die Betroffenen das Gefühl haben „nicht in Ordnung zu sein“ und Reaktionen von außen den Schein vermitteln, neurotisch oder zimperlich zu sein. Um Hochsensiblen in der Region eine Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen und mit ihrer Besonderheit bewusster umzugehen, hat Gabriele H. eine Selbsterfahrungsgruppe initiiert. Sie weiß wovon sie spricht, gehört sie doch selbst zu jenen 15 bis 20 Prozent der Menschheit, die als „hochsensibel“ gelten.
Tips: Wie haben Sie erstmals bemerkt, dass Sie hochsensibel sind?
H.: Schon als Kind kam ich mir irgendwie „anders“ vor, ich kämpfte unter anderem mit dem Umstand, dass ich mir alles mehr zu Herzen nahm. Es schien irgendwie alles „tiefer“ zu gehen als bei anderen. Auch hatte in mir seelisch vieles immer einen sehr langen Nachklang. Außerdem wollte ich immer alles ganz genau, das heißt perfekt machen – besonders auch die Details. Erst viel später im Erwachsenenalter konnte ich meinem „Sosein mit seinen vielseitigen Facetten“ einen Namen geben: Dr. Elaine Arone legte in den 1990ern einen Grundstein der Erforschung in Bezug auf Hochsensibilität/Hochsensitivität, sie prägte den Ausdruck „Highly Sensitive Person“ (HSP).
Tips: Wie haben Sie auf die Erkenntnis reagiert?
H.: Es war ein schöner Augenblick festzustellen, dass es „mehrere wie mich gibt“ und dass dieses „etwas anders Sein“ durchaus seine Berechtigung und auch seine Qualität (manche Autoren schreiben von einer „Gabe“) hat.
Tips: Mussten Sie Ihren Lebensstil umstellen?
H.: Nein, denn dies war ja ein laufender Prozess seit Kindheit an, dass ich eben manches anders lebe als viele meiner Mitmenschen. Aber als ich dann begonnen habe, viel über Hochsensibilität zu lesen sowie auch andere in ihrem Verhalten zu beobachten und bewusst meine hohe Empathiefähigkeit zurückzunehmen, ging es mir besser – ich war irgendwie sehr erleichtert.
Tips: Wie hat sich Ihre „Veranlagung“ auf Freunde/Partner ausgewirkt? Gab es viel Unverständnis?
H.: Natürlich gab es Unverständnis bzw. „Kämpfe“, insbesondere in Bezug auf meinen Perfektionismus. Dort, wo es meinen Partnern gefiel, dass ich sehr genau war, war es okay, dort wo es ihnen jedoch nicht gefiel, gab es viele Troubles. Meine Partner waren ja auch nicht „vollkommen“ und ihre fehlende Empathiefähigkeit tat das Übrige dazu, dass es manchen „Kampf“ gab. Mit Freunden war es leichter, da man mit diesen ja nicht zusammenleben muss. Hier habe ich gelernt, auf die „Dosis“ der Kommunikation bzw. der gemeinsamen Aktivitäten zu achten.
Tips: Hatte Ihre Hochsensibilität auch Auswirkungen auf Ihr Berufsleben?
H.: Ja, wenn ich so zurückdenke, hatte meine Hochsensibilität im Berufsleben sehr gute Auswirkungen. Zwischenmenschlich hatte ich durch meine hohe Anpassungsfähigkeit nie Probleme mit Arbeitskollegen und leistungsmäßig waren meine „Chefitäten“ aufgrund meiner Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit vollends zufrieden.
Tips: Wie gelang es Ihnen Ihr Selbstwertgefühl wieder zu stärken?
Gabriele H.: Ab dem Zeitpunkt wo ich wusste, dass dieses Anders-Sein durchaus seine Berechtigung und seine Grundlage hatte, konnte ich mich selbst viel mehr festigen und zentrieren. Weiters habe ich geübt, meine Anpassungsfähigkeit sowie auch meine zu hohe Empathiefähigkeit 'zurückzufahren' und auf die Authentizität zu achten. Dies waren wichtige Schritte, die ich alle ganz alleine schaffte und in mir festigte.
Tips: Wie ist für Normalfühlende das Zusammenleben mit Hochsensiblen möglich?
H.: Da Hochsensible in der Regel sehr ganzheitlich, bewusst, anspruchsvoll, aber auch mitunter träumerisch und philosophisch unterwegs sind bzw. ihre Persönlichkeit sehr facettenreich und bunt ist, ist das Zusammenleben mit solchen Menschen einfacher, wenn man sie 'ihren Weg gehen lässt' gemeinsam in einer respektvollen, wertschätzenden, authentischen, von Empathie getragenen Kommunikation Lösungen für Konflikte sucht.
Tips: Man hört auch, dass Hochsensible oft von Selbstzweifel geplagt sind. Können Hochsensible Glücksmomente empfinden? Wann fühlen Sie sich glücklich?
H.: In der Regel sind Hochsensible viel weniger 'von sich überzeugt' als so manch andere, daher sind Selbstzweifel natürlich ein Thema. Bei mir traten diese Zweifel in den Hintergrund ab den Zeitpunkt, wo ich darüber zu lesen begonnen bzw. mich mit der Thematik beschäftigt habe und mich selbst achtsam 'beobachtet' habe. Ich kann sehr wohl - wie die meisten Hochsensiblen auch - Glücksgefühle erleben. Ich erlebe ja nicht nur Schmerz tiefer, - sondern auch die Freude bzw. Glücksmomente intensiver als manch' andere Menschen. Wann ich mich glücklich fühle? Da gibt es viel, - Musik, Tanzen, die Natur- wenn ich meine 250 jährige Linde zuhause rauschen höre, den Blick über die Weite der Landschaft gleiten lasse, bewusste Stille, aber auch gute Gespräche wo man vom Gegenüber 'Herzensintelligenz' wahrnimmt u. v. m.
Tips: Was ist das Ziel der geplanten Infoabende?
H.: Ziel ist ein guter Erfahrungsaustausch sowie, dass Hochsensible mit ihrer „Andersartigkeit“ bewusster umgehen lernen, sie in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt nicht als „Defizit oder Belastung“ erlebt werden, sondern als „besondere Gabe“ – auch dann, wenn unsere Eigenschaften in unserer hektischen Welt/Lebensweise auf's Erste nicht immer gefragt sind. Da sich die Hochsensibilität jedoch bei jedem auf eine teils unterschiedliche Art und Weise darstellt und äußert, liegt in einer Selbsterfahrungsgruppe ein Teil des Potenzials darin, „sich selbst im Gehörten zu erkennen“.
Infoabend am 13. September
Das erste „Hochsensiblen“-Treffen findet am Dienstag, 13. September, um 19 Uhr im Bildungshaus Villa Rosental in Laakirchen (Lindacherstr. 10) statt. Weiterführend wird sich die Gruppe jeden zweiten Dienstag im Monat treffen. Um Anmeldung unter 0664/3724168 wird gebeten.


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