Das Selbstwertgefühl stärken und so den Weg aus der Gewalt finden
BRAUNAU. Der 25. November ist der internationale Gedenktag gegen Gewalt an Frauen. An diesem Tag wird wieder einmal deutlich: Das Problem ist in unserer Gesellschaft nach wie vor präsent. Monika Krahwinkler von der Frauenberatungsstelle Frau für Frau Braunau und Astrid Schinnerl von der Außenstelle Ried des Gewaltschutzzentrums Oberösterreich standen für Tips Rede und Antwort. von SABRINA REITER

Tips: Warum ist Gewalt an Frauen in der heutigen Gesellschaft immer noch so weit verbreitet?
Monika Krahwinkler: Weil sich die Strukturen nicht entscheidend geändert haben: Das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau ist nach wie vor gegeben und Gewalt ist eine Form der Machtausübung, welche nur dort entstehen kann, wo ein Ungleichgewicht gegeben ist. Zu beobachten ist, dass erstaunlicherweise viele junge Frauen ab dem Zeitpunkt der Geburt eines Kindes in die klassische Mutterrolle fallen, die mit Abhängigkeit vom Mann verbunden ist.
Und weil häusliche Gewalt nach wie vor geschützt hinter der Fassade passiert.
Wie wird betroffenen Frauen geholfen?
Astrid Schinnerl: Gesetzliche Regelungen zum Gewaltschutz wurden geschaffen und werden nach wie vor verbessert. Österreichweit werden Beratungsstellen, Frauenhäuser und Übergangswohnungen für von Gewalt betroffenen Frauen und deren Kinder zur Verfügung gestellt.
Welche präventiven Maßnahmen werden gesetzt?
Schinnerl: Grundsätzlich sollte Prävention in der Kindheit beginnen. Kinder sollten ihre Identität leben dürfen und lernen, Grenzen zu setzen, Nein sagen zu dürfen und Nein zu sagen. Die Chance, von Kindesbeinen an eine eigene Identität und somit Selbstwert entwickeln zu können, hat nicht jeder Mensch.
Zudem müssen Kinder vor dem Miterleben häuslicher Gewalt bewahrt werden, indem öffentliche Angebote, wie zum Beispiel die Braunauer Frauenübergangswohnung, bereitgestellt werden, die ermöglichen, aus einer stark belasteten, krank machenden und von latenter Gewalt bedrohten häuslichen Beziehungssituation auszusteigen und mit Begleitung und Unterstützung eine neue Lebensperspektive aufzubauen. Je früher diese destruktive Situation durchbrochen werden kann, desto besser ist das nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die öffentliche Wohlfahrt.
Krahwinkler: Wichtig ist auch, welche Werte einer Person durch die Eltern und wesentlichen Bezugspersonen mitgegeben wurden und ob diese im Laufe des Lebens verinnerlicht oder eventuell sogar noch ausgebaut wurden. Werte sind Ressourcen, an die man sich festhalten kann – mit denen man eine Grenze ziehen kann. Ist man sich selbst etwas wert, so lässt man einerseits bestimmte Handlungen nicht zu und andererseits Menschen, die einem nicht gut tun. Sehr oft läuft eine Person Gefahr, sich über den Partner oder die Partnerin zu definieren und die eigenen Werte nicht mehr wichtig zu nehmen. Dies kann dazu führen, den eigenen Lebensplan zu verlieren, was zu Perspektivenlosigkeit führt.
Gewalt funktioniert unter anderem deshalb, weil der Selbstwert einer Person gebrochen wird. Die Sehnsucht vieler von Gewalt Betroffener liegt darin, das Selbst zu finden und zu leben. Und das erscheint oft nicht mehr möglich. Deshalb ist es so wichtig, bei den Kindern zu beginnen – durch Workshops in Kindergärten und Schulen. Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema und deshalb soll so früh wie möglich damit begonnen werden, Gewalt als solche zu erkennen und benennen zu lernen. Gewalt beginnt in kleinen Handlungen – und genau hier müsste angesetzt werden. Zum Beispiel gibt es keine „g“sunde Watschn“.
Was können Frauen selbst tun, um sich vor Gewalt zu schützen?
Schinnerl: Es sich wert sein hinzusehen! Je länger Gewalt erlebt wird desto schwieriger ist sicherlich der Weg zurück. Doch es ist möglich, wenn frau sich in die Zeit begibt, wo das Selbst und die Werte noch gelebt werden konnten. Diese sind nur tief vergraben, nicht verschwunden. Durch Beratung und Therapie – in dem Bewusstsein, dass Veränderung dauern wird – gibt es einen Weg aus der Gewalt hin zum selbstbestimmten, gewaltfreien Leben.
Wenn es trotzdem dazu kommt: Wie sollten sich betroffene Frauen verhalten?
Krahwinkler: Sich selbst und die Kinder in Sicherheit bringen, Polizei anrufen, bei Verletzungen das Krankenhaus aufsuchen, Beratungsstellen nützen. Dort können Sicherheitspläne erstellt werden, um neuerliche Gewalt zu verhindern. Das heißt Erörterung des Verhaltens in Gefahrensituationen, Notrufnummern, Fluchtplan et cetera. Auch rechtliche Schritte sollten die Frauen erwägen.
KAMPAGNE
Zwischen dem Internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen am 25. November und dem Internationalen Tag für Menschenrechte am 10. Dezember finden weltweit Aktionen zum Thema statt. Teil der Kampagne ist die Fahnenaktion „Frei leben – ohne Gewalt“ mit gehissten Fahnen vor dem Rathaus Braunau und im Hof des Ärztehauses vor der Beratungsstelle Frau für Frau.


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