"Unbequeme Wahrheiten zulassen, um Lösungen zu finden": Extremismus-Experte Ahmad Mansour zu Gast in Linz
OÖ/LINZ. „Wir müssen vermitteln, dass unsere Demokratie kein Ausdruck von Schwäche ist, sondern die Rechte darin die Stärke ausmachen.“ Ahmad Mansour ist Experte für Radikalisierung und Extremismus. Der Psychologe und Autor arabisch-palästinensischer Herkunft war Montagabend zu Gast bei der Diskussionsveranstaltung „offenGESAGT“ der Integrationsstelle des Landes OÖ. Es war die erste Veranstaltung dieser Art, weitere sollen folgen.

Er wird bedroht und angefeindet, nur in Begleitung von Sicherheitsleuten konnte er am Montagabend Linz besuchen. Ahmad Mansour zählt zu den kenntnisreichsten Islamismus-Experten Deutschlands, hat einige Bücher zum Thema veröffentlicht. Er beschäftigt sich unter anderem mit politisch-religiösen Radikalisierungsprozessen, arbeitet in Integrationsprojekten, hat unter anderem das Projekt „Heroes“ ins Leben gerufen, das patriarchale Denkmuster bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufbrechen will. Seine Workshops zur Extremismusprävention führen in auch in Justizvollzugsanstalten, Mansour engagiert sich auch stark gegen Antisemitismus. Seit 2017 leitet er die Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention (MIND) GmbH.
Vortrag und Austausch in Linz
Halloween 2022 in Linz sei für Oberösterreich und Linz noch eine neuartige Erfahrung, so Integrations-Landesrat Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP). „Wir wollen daher Erfahrungen und Empfehlungen diskutieren“. Zahlreiche Vertreter von NGOs – von der Caritas über die Volkshilfe, Rotes Kreuz, AMS OÖ, der Polizei oder vom Verein Jugend und Freizeit Linz – waren zu Gast bei der Diskussionsveranstaltung.
„Wo ist die digitale Sozialarbeit?“
Ein großer Trend aktuell laut Mansour: „Die Einflussnahme auf jugendliche Muslime verlagert sich hin zu sozialen Medien – wir reden von ‚TikTok-Radikalisierung‘. Hier frage ich mich: Wo sind die Demokraten in den sozialen Medien, wo ist die digitale Sozialarbeit? Es kann nicht sein, dass Radikale mit einfachen Mitteln den gesamten deutschsprachigen Raum besetzen und wir schweigen – hier müssen wir viel besser werden, die Musik spielt in den sozialen Medien!“
Jugendliche Rebellion
Die Gründe, warum Menschen den Konflikt mit der Polizei suchen, respektlos mit dem Rechtsstaat umgehen würden, seien vielfältig, unter anderem nennt Mansour patriarchale Erziehung. Verbunden sei dies mit Identitätsverlustängsten – „die Leute sehen bei uns die Genderdebatte, sexuelle Selbstbestimmung – sie bekommen Angst, ihre Identität zu verlieren. Wir müssen diese Werte so vermitteln, dass sie nicht als Risiko, sondern als Chance gesehen werden.“
„Man darf niemals alle in einen Topf werfen, aber es gibt Ursachen, die genannt werden müssen. Man muss Kontroversen, schwierige Diskussionen zulassen, Klartext sprechen, unbequeme Wahrheiten zulassen – mit dem Ziel, Lösungen zu suchen und zu finden.“ Intensiv klargemacht werden müsse, dass Antisemitismus nicht akzeptiert werde, Israel in Europa nicht verhandelbar sei.
Begegnung baut Vorurteile ab
Die Lösungen für ihn: „Intensiv mit den Menschen arbeiten. Schulen präventiv ganz anders betrachten, Begegnung zwischen den Menschen schaffen. Mit den Menschen sprechen, Identitätsängsten begegnen, den Rechtsstaat vermitteln. Wir müssen vermitteln, dass unsere Demokratie kein Ausdruck von Schwäche ist, sondern die Rechte darin die Stärke ausmachen.“
1976 in Kfar Saba geboren, lebt Ahmed Mansour seit 2004 in Deutschland, besitzt seit 2017 auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Berliner kann an seinem eigenen Beispiel erzählen, was Begegnung zur Deradikalisierung beitragen kann. Sein Studium in Tel Aviv, die Begegnung mit Andersdenkenden, die Aufforderung, kritisch zu denken, hätten ihn zum Umdenken gebracht. „Jeder hat eine Neigung zu Vorurteilen, die einzige Maßnahme, die funktioniert, um diese abzubauen, ist die Begegnung – in der Schule, bei der Arbeit.“
„Wir haben etwas anzubieten“
„Wir müssen die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen. Wir haben etwas anzubieten. Die Menschen kommen nicht zufällig nach Europa, sondern weil sie Sicherheit, Freiheit, Liberalismus finden. Diese Werte müssen wir an den Mann bringen. Das ist eine Riesen-Aufgabe, aber enorm notwendig.“
„Auch Konsequenzen zeigen“
Für Mansour ist aber auch klar: „Die Aufnahme in ein Land ist kein Freischein, asozial zu sein, den Rechtsstaat zu verachten – das muss Konsequenzen haben.“
Integrations-Landesrat Wolfgang Hattmannsdorfer fühlt sich in den Ansichten des Experten bestätigt. „Gelingende Integration ist eine der zentralen gesellschaftspolitischen Fragen, die Werte, die wir leben, sind der Orientierungspunkt. Alle, die Teil sein wollen, müssen sich daran orientieren und diese respektieren. Dazu gehört ein offener Diskurs und die kritische Betrachtung von Entwicklungen.“
Aber: „Freiheit und Demokratie kann es nur mit ganz klaren Grenzen, gewissen roten Linien geben. Das bedeutet für mich in der Integrationsarbeit eine Doppelstrategie: Strenge, Klarheit und Sanktionen, sowie voller Fokus auf Prävention und Integrations-Angebote. Wir dürfen keinen Platz lassen für Radikalisierung und Parallelgesellschaften, dazu braucht es den Rechtsstaat. Die laufenden Halloween-Urteile zeigen, dass dieser funktioniert“, so Hattmannsdorfer.
Hattmannsdorfer fordert: Nachschärfen beim Asylgesetz
An den Bund stellt Hattmannsdorfer die Forderung nach einer früheren Aberkennung des Asylstatus bei Straftätern. „Wir sprechen hier vom Strafrecht, nicht vom Verwaltungsrecht. Aktuell wird der Status bei Verurteilungen ab drei Jahren Haft aberkannt, „ich glaube, dass das schon ab sechs Monaten nötig ist.“
Workshops an Schulen
Beim Thema Integrationsangebote verweist der Landesrat auf die gestarteten Workshops an Hotspot-Schulen im Rahmen des „Respekt-Paketes“, gemeinsam mit der Volkshilfe OÖ. Zudem werde am Ausbau der Peer-Ausbildungen gearbeitet, uch die Streetwork-Angebote werden ausgebaut.
„Diese Kombination sehe ich – klare Kante und alles tun, damit Integration gelingt“, verweist Hattmannsdorfer auch auf einen Besuch beim belgischen Politiker Bart Somers, der mit ähnlichem Vorgehen die Stadt Mechelen zu einem Vorzeigebeispiel für Integration gemacht hatte.
Für Mansour ist am Beispiel Halloween klar: „Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund wollen mit sowas nichts zu tun haben, nicht damit in Verbindung gebracht werden.“ Hattmannsdorfer: „Wir dürfen nicht zulassen, dass ein paar Leute die große Gruppe jener, die sich hier etwas aufbauen wollen, in Geiselhaft nehmen.“
Das neue Format „offenGESAGT“ der Integrationsstelle des Landes OÖ soll künftig öfter stattfinden, um mit Experten zum Dialog zu bitten.


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