Pfiat Gott: 368 Schärdinger traten aus der Kirche aus

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Elena Auinger Elena Auinger, Tips Redaktion, 20.01.2020 11:46 Uhr

BEZIRK SCHÄRDING. 368 Personen aus dem Bezirk Schärding traten vergangenes Jahr aus der Katholischen Kirche aus. Das waren um 93 Personen mehr als im Jahr davor (2018: 275).

Insgesamt gibt es im Bezirk mit Stichtag 1.1.2020 47.261 Katholiken. 19 Schärdinger sind 2019 in die Kirche eingetreten. Sieben weniger als 2018. Im Tips-Interview spricht Martin Brait, Dekanatsassistent Schärding, über die Gründe für die Austritte und über mögliche Auswirkungen für die Katholische Kirche.

Tips: Was sind die Gründe für einen Kirchenaustritt?

Martin Brait: Es gibt wohl 'hausgemachte' und gesellschaftsbedingte Gründe. Die Gesellschaft und das Alltagsleben stehen in einem radikalen Wandel. Ein paar Stichworte: Die Welt lässt sich naturwissenschaftlich ohne Gott erklären und viele Menschen brauchen keine Religion zum Leben. Wir genießen Religionsfreiheit in unserem Land, es gibt heute keinen gesellschaftlichen Zwang mehr, zur Kirche zu gehören; man kann austreten, ohne Sanktionen zu erleben. Über 1.500 Jahre war die Kirche durch den Staat gestützt, diese Zeit ist schlicht vorbei. Staat und Gesellschaft sind gegenüber Religion ziemlich neutral. Auch hat die Kirche kein Monopol mehr für die Suche nach Sinn, man hat Zugang zu anderen Religionen und Weltanschauungen, am einfachsten über das Internet. Die Menschen sind heute mündig und suchen sich selbst ihre Weltanschauung. Das sind alles Faktoren, die die Kirche kaum beeinflussen kann, die aber erklären, warum viele Menschen die Kirche schlicht nicht mehr brauchen. Doch genauso gewichtig sehe ich innerkirchliche, also hausgemachte Gründe: eine jahrzehntelange Dialogverweigerung von Seiten der Kirchenleitung zu Themen wie Gleichstellung von Frauen in der Kirche, demokratische Mitbestimmung, Zölibat oder den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Die Menschen erleben die Kirche vielfach als unglaubwürdig, weil sie zu lange auf der Seite der Herrschenden stand; das Bekanntwerden der vielen Missbrauchsfälle durch Priester hat die Glaubwürdigkeit noch untergraben. Dazu erleben viele Menschen die kirchliche Botschaft als lebensfremd und die Gottesdienste als abgehoben und für ihr Leben belanglos und ohne spirituelle Kraft. Alles zusammen bewirkt, dass es keine große Hemmschwelle mehr gibt, aus der Kirche auszutreten.

Tips: Was bräuchte es, damit sich wieder mehr Menschen der Katholischen Kirche zugehörig fühlen?

Brait: Ich mach mir keine Illusionen, denn die Zeit der Volkskirche geht zu Ende und verlorenes Vertrauen kehrt nicht schnell zurück. Dennoch denke ich, das Hauptkriterium ist die Glaubwürdigkeit. Das verlangt in einer Zeit mündiger Menschen, dass sie mitreden dürfen, auch über kirchliche Regelungen und Strukturen. Auch oben angesprochene jahrhundertelange katholische Traditionen sind nicht vom Himmel gefallen, sondern irgendwann so entschieden worden und können auch geändert werden. Da ist manches überfällig, etwa der Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern. Das liegt auf der Ebene der Weltkirche. Glaubwürdigkeit fordert aber auch das kirchliche Leben in den unteren Ebenen heraus: Das Evangelium verpflichtet uns, besonders die Not der Menschen zu sehen, zu helfen und gegen Ungerechtigkeit aufzustehen. Unsere Gottesdienste so feiern, dass Menschen mit ihren Zweifeln, ihren Fragen und ihren Widersprüchen Platz finden und nicht mit frommen Formeln alles zugedeckt wird. Gott ist in erster Linie Geheimnis und immer anders, als wir uns vorstellen können. Vielleicht stellen wir im Reden von Gott zu viele Behauptungen auf und nehmen ihm sein Geheimnis. Mehr Schweigen und Fragen stehen lassen könnte die spirituelle Kraft des Glaubens wieder mehr erfahrbar werden lassen.

Tips: Welche Auswirkungen haben die Austritte für die Katholische Kirche?

Brait: Es zeigt sich, dass die Kirche an Bedeutung, auch an politischem Gewicht verliert. Durch weniger Kirchenbeitrag steht auch weniger Geld für Priester, Pastoralassistenten, Seelsorgeprojekte, aber auch für die Erhaltung kirchlicher Gebäude zur Verfügung. Aber ich sehe keinen Grund zum Jammern. Wenn wir mit der Situation kon-struktiv umgehen, werden wir in den Pfarren und Dekanaten unser Profil schärfen durch Fragen wie: Worauf kommt es wirklich an? Was ist unser Auftrag heute? Was an Kirche brauchen die Menschen heute? usw. So könnte die Kirche wieder deutlicher zu einem Ort der Hoffnung, der Spiritualität, der Solidarität und des Vertrauens werden. Deshalb, denke ich, erleben wir eine durchaus spannende Zeit der Kirche.

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