Susanne Klingner im Selbstversuch: „Hab ich selbst gemacht“

Michaela Fabian, Leserartikel, 16.01.2013 10:47 Uhr

Winter. Ein Teelöffel schwarze Pfefferkörner, ein Sternanis, vier Gewürznelken, zwei Teelöffel Kardamomsamen, ein Teelöffel Zimtpulver und einen Esslöffel Ingwerpulver fein zermahlen und mit vier Teelöffel Schwarztee in kochendes Wasser geben, fünf Minuten köcheln lassen, abseihen und mit Milch und Honig verfeinern. Chaitee – das leicht exotische Warmgetränk kriegt man auch bei McDonalds und Starbucks um den garantiert besten Preis. Nicht so billig hat sich die 35-jährige Journalistin Susanne Klingner davon „gestohlen“ - sprich mehr oder weniger gedankenlos konsumiert. Sie hat ihren Chaitee eigenhändig zubereitet und 65 weitere Projekte innerhalb eines Jahres selbst verwirklicht.

„Ich reibe mir am Morgen die Augen, strecke mich, und erstmal ist nichts anders als im letzten Jahr. Bis auf einen kleinen Silvesterkater fühlt sich alles normal an“, steigt Klingner in ihre entwaffend ehrliche, detailreiche, informative Nacherzählung „Hab ich selbst gemacht“ ein. Wann genau ihr die Idee kam, ein Jahr lang so viel wie möglich selbst zu machen, kann die Deutsche nicht mehr sagen. „Womit fange ich an?“ Klingner hat weder das Bett, in dem sie sich streckt, selbst gezimmert, noch die Matratze selbst hergestellt oder den Polster mit Daunen vollgestopft. Also geht sie als erstes daran, eine Liste jener Dinge zu erstellen, die sie während des ersten Tages verwendet und konsumiert. Abends markiert sie Sachen, die leicht zu machen sind, bei deren Herstellung sie Rat und Hilfe suchen wird müssen und die nicht machbar sind beziehungsweise die sie nicht interessieren mit verschiedenen Symbolen. Tags darauf kauft sie die Zutaten für Brot und bäckt es selbst. Bei den mehr oder weniger gelungenen Versuchen gehen der frisch gebackenen Selbstversorgerin allerlei Gedanken durch den Kopf, die sie akribisch in ihrem Buch festhält. Klingner zeigt keine Berührungsängste, beweist enorme Kreativität und Lösungskompetenz, scheut keine Selbstkritik und nimmt alles mit ausreichend Humor. So gerät das Protokoll eines ereignisreichen, spannenden Selbermachjahres zu einem unterhaltsamen, lockeren Stück Gebrauchsliteratur, wobei dieser Begriff etwas zu kurz greift. Denn hinter all dem stecken viele Fragen: Weshalb dieser Trend zum Selbermachen, den sogar Bau- und Supermärkte aufgreifen? Wie viel Konsumkritik verbirgt sich dahinter, welches Ausmaß an nach außen getragener Individualität? Wo beginnt Konsum, wo hört er auf? „Es ist Silvester. Der letzte Tag des Jahres. Meines Selbermachjahres“, protokolliert Susanne Klingner. Sie verbringt noch ein paar Stunden in der Küche, hat unter anderem Baguette gebacken. „Das Baguette ist genial. Der Selbermachquatsch hat auch sein Gutes“, resümiert Klingners Lebenspartner, den sie im ganzen Buch als „der Mann“ bezeichnet, beim Silvester-Fondue sitzend. Und im Epilog verrät Susanne Klingner auch, was von diesem Jahr im Alltag hängen blieb. Autorin: Susanne Klingner„Hab ich selbst gemacht. 365 Tage, 2 Hände, 66 Projekte“SachliteraturVerlag Kiepenheuer & Witsch, Köln326 Seiten, TaschenbuchISBN 978-3-462-04285-6Preis: 9,30 Euro
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